Italienisches Mysterium

 

Padua: Caffè Pedrocchi – der legendäre Gastronomietempel

Wieder Padua, diesmal am Abend, gegen halb elf. Nach dem cena führt mich der Weg am Caffè Pedrocchi vorbei: ein Säulen-Palast, ausschließlich lukullischen Freuden gewidmet – wo gibt es sowas schon bei uns? Der Palast erglüht im Lichtspiel wechselnder Farben, davor junges Volk, gerade mals Zwanzig, in exquisiter Abendgarderobe wie frisch vom Laufsteg – Seidenroben wehen, Goldjäckchen funkeln, die Jungs: dunkler Anzug, weißes Hemd, Fliege. Im strahlend hellen Saal Singen, Jauchzen, Schreien, lautes Zuprosten.  „Gala Ball“ lese ich … Gala, Luxus, Gold und Glitter … Highlife schon der Twens – mein Weltbild wankt: Italien geht es schlecht, heißt es doch; auch im Land selbst ist la crisi seit Jahren das mediale Dauergespenst. Wie passt das zusammen? Ein Mysterium …

High Life vor dem Caffè Pedrocchi

Später, als ich am Bahnhof vorbeigehe, höre ich erneut Singen. Schöne Stimmen, ich verstehe was von „Gesu“. Junge Leute sitzen im Kreis auf dem Boden, singen mit erhobenen Händen, eine nicht mehr so junge Schwester spielt Gitarre. Bahnhofsmission? … „Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht, und man siehet die im Lichte , die im Dunkeln sieht man nicht.“ Ist das die Erklärung für das Mysterium, dass man sich hier, siehe Caffè Pedrocchi, besonders gern ins Licht stellt? So wie es schon Charles Dickens vor einem guten Jahrhundert auffiel: Ein Mann von glänzendem Äußeren, in funkelnder Prachtuniform, der mindestens wie ein Parlamentsceremonienmeister aussah, stellte sich schließlich als Kirchhofaufseher heraus.
Grübelnd gehe ich durch nächtliche Straßen zu meinem Hotel.

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