Venedig versinkt

Markusplatz – Sommernacht

Eine Sommernacht auf dem Markusplatz. Vor jedem der drei Gran Cafés spielt ein Orchester. Kommt das des Lavena zum Ende, schleudert der erste Geiger mit großer Geste das Einsatzzeichen zum Quadri-Orchester hinüber. Irgendwann zahle ich, um hinüber zum Florian zu gehen. In der Platzmitte fällt mir eine Pfütze um einen Gully auf: seltsam, der Tag war sonnig … Eine halbe Stunde später, das Florian-Orchester macht Pause, pendle ich zurück. Die Pfütze ist nun so groß wie ein Dorfteich – ein glitzernder Spiegel für die zahllosen Markusplatz-Lichter. Direkt über dem Gully aber ist ein Strudeln und Strömen. Das Wasser läuft ab, erklärt ein Amerikaner seinen Begleitern. Doch an den Rändern breitet es sich langsam weiter aus. Und einen Steinwurf entfernt ist ein weiterer Teich am Entstehen …

Markusplatz – gespiegelt im Acqua Alta

Ahnungsvoll – der Markusplatz ist Venedigs tiefster Punkt – gehe ich hinüber zur Piazetta und zum Kai: Bis an die Kante steht das wellenschäumende Wasser. Das Nass sprudelt also durch die Gullys des Markusplatzes wie aus einem artesischen Brunnen. Als ich dorthin zurückkomme, haben die Teiche sich zu einem platzfüllenden See vereinigt, der die Stuhlreihen der Cafés flutet.- Die Stunde der Fotografen: Der lichterglänzende Markusplatz liegt zweifach vor ihnen, als Original und als Spiegelung. Einer, bewaffnet mit schwerer Fotoausrüstung, kauert auf dem Boden, um das ultimative Bild zu schießen. Da stapfen ein Vater und ein Sohn ins Wasser, barfüßig, die Hosen hochgekrempelt, und beginnen zur letzten noch hörbaren Orchestermusik zu stampfen und plantschen. Ein unterdrückter Fluch des Fotografen, er wuchtet sich hoch und sucht sein Glück an anderer Stelle.
Im November 1966 wurde Venedig von einer Jahrhundertflut heimgesucht und drohte ganz unterzugehen. Menschen ertranken. Zwischen Venedigs Mauern steht nicht bloß Wasser, es ist das Meer mit seiner Gewalt und Tücke. Und mit dem schon gewohnheitsmäßig wiederkehrenden Acqua Alta schickt es jedesmal eine dunkle Drohung an die Lagunenstadt.
Venedig kämpft gegen den Untergang: durch gigantische Fluttore, durch die Anhebung ganzer Gebäude, durch Erhöhung der Molen und Kais. Auf lange Sicht aber ist um die Lagunenstadt zu fürchten …

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