Römische gastronomia & bellezza

Rom, 21. September 2017. Trastevere – der so angesagte Stadtteil jenseits des Tibers. Welche Enttäuschung! Ich wollte auf der anheimelnden Piazza Santa Maria zu Mittag essen, vor der schlicht-schönen Kulisse der Basilika Santa Maria – zurückgehend auf die allerersten Christen -, ihrem romanischen Campanile und dem mächtigen, vielstrahlig sprudelnden Brunnen davor. Jedoch: die Kirche grau verhängt wie eine Abrissruine – rinnovamento -, der Brunnen so trocken wie der römische Sommer und das Ristorante teuer wie ein Sternelokal und auch noch überlaufen von englischen Touristen, für die Trastevere wegen der vielen Pinten („12 beers on tap“) noch vor dem Kolosseum zu rangieren scheint.

Die Schöne und das Hündchen

Frustriert in die Stadt zurück. An der Piazza Fiume (nördlicher Innenstadtrand) stoße ich auf eine Tavola Calda. Hinter der blitzblanken Vitrine lauter Lukullitäten, von Antipasti über diverse Pasta und Gebratenes bis zu Dolce. Hungrig wie ich bin geht es mir wie dem Hund beim Anblick der Wurst – mein Pawlowscher Reflex springt an (Gott sei Dank ohne Sabbern). Lasagne – schon lange nicht mehr gegessen! Aber es gibt zwei unterschiedliche. „Beide sehen so gut aus, dass ich mich kaum entscheiden kann“, sage ich zur Frau hinter der Theke. Die eine, sagt sie freundlich, sei mit Auberginen gemacht, und wenn ich wolle, könne ich halbe-halbe von beiden haben. Der Ober bringt mir den Teller an den Tisch draußen im Freien, samt dem Glas rosso: vollmundig mit erfrischender Säurenote. Das Ganze: stupendo! Inklusive des römischen Alltagsleben um mich herum. Gepflegte ältere Damen fallen mir auf – offenbar Kundschaft des nahen Rinascente, das sich zu den Kaufhaus-Ikonen der Welt rechnet. Plötzlich taucht raschen Schritts eine junge, sehr junge Dame auf, um die Zwanzig, gertenschlank und elegant, ganz in Schwarz von der Langjacke bis hinunter zu den Pumps. Vielleicht eine Beschäftigte des Rinascente? Eilig und sehr bestimmt bestellt sie im Lokal, setzt sich dann an den freien Tisch vor meinem, lässt sich vom Ober servieren – nur Pasta und Wasser – und isst, mit Blick mal auf ihr mobile, mal auf das Hündchen einer alten Dame vor ihr, das der Schönen unverwandt, wie hypnotisiert beim Essen zuschaut. Die lässt sich jedoch nicht erweichen ihm ein Häppchen hinzuwerfen – des eigenen Appetits wegen? – oder gehört sich das in Italien nicht?

Ich zahle – für das Geld hätte ich im Trastevere-Ristorante nicht mal ein Antipasto gekriegt. Im Weggehen will ich kurz das Hündchen kraulen, das aber, jäh aus seinen Fressvisionen gerissen, erschreckt aufjault und nach mir schnappt. Die Blicke der Gäste wenden sich mir zu – und die Schöne denkt wahrscheinlich „eccolo – da hat er`s, geschieht ihm recht“.

Ganz ohne Kaufabsicht, nur um mich ein bisschen zu informieren schlendere ich durchs Rinascente – das hier an der Piazza Fiume nur ein Ableger des fabulösen Megastores im Zentrum ist. Und dennoch: Luxus-Brands von Armani bis Zingaro – und Luxuspreise. Männerhemden kaum unter 100€. Bis ich plötzlich eines für 39€ sehe, auch noch klassisch schön in italienischblau. So günstig, weil es die Rinascente-Hausmarke ist, erklärt mir die hinzutretende Verkäuferin – schon wieder eine Schöne. Mit ihren vielleicht 30 Jahren auch noch sehr professionell und von unwiderstehlichem Verkaufstalent: Trotz meines „Ich wollte nur mal schauen …“ sucht sie zielsicher die richtige Größe raus, animiert mich zum Anprobieren – passt! – und so, obwohl daheim mein Schrank von Hemden überquillt,  schlendere ich bald mit schickem Rinascente-Einkaufstäschchen weiter.
Und dann sehe ich unten im Erdgeschoß – an der Kasse, schnellfingrig den Großeinkauf einer aufgeputzten Dame eintippend –  plötzlich die Schöne Numro 1 wieder. Kein Zweifel: eine besonders hohe Bellezza-Konzentration hier im Rinascente. Wohl nicht zufällig. Schönheit … Wie sagt Nietzsche?- „Wonach sehnen wir uns beim Anblick der Schönheit? Danach, schön zu sein: wir wähnen, es müsse viel Glück damit verbunden sein.“ Klar, Schönheit ist ein Partnerschaftsturbo. Aber eben auch, wie hier im Rinascente, ein Konsumturbo: Sie weckt Sehnsucht, ihre Aura umgarnt, fasziniert, verführt – zum Kaufen.
Sogar einen nüchternen und eigentlich kaufunwilligen Mann wie mich …

Tipps:
Zwischen Piazza Fiume und Via Nomentana: untouristisch-vitale Gegend, u.a. Rinascente, gute&günstige Tavola Calda (Via Bergamo 5), Großmarkt (Piazza Alessandria) und weitere Gastronomie.
Antikes Glanzlicht: die Aurelianische Wehrmauer der alten Römer mit gewaltigen Türmen u. Portalen, z.B. an Piazza Fiume.
Nördlich Piazza Fiume bis hoch zu Parco Virgiliano: hier lebt Roms bella Gente im bella ambiente, eindrucksvoll z.B. Piazza Verbano.

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