Rom: Bergwanderung um den Albaner See nach Castel Gandolfo, Teil 2

Castel Gandolfo: vor dem Eingangspalast zur Sommerresidenz des Papstes

Castel Gandolfo: prächtige Villlen über dem See, auf der Piazza italienische Touristen, der obligate Gluckerbrunnen, dahinter der Eingangspalast der Papstresidenz. In diesem seit jeher beliebten Sommerfrischeörtchen hat Goethe 1787 drei Wochen „in guter Gesellschaft“ verbracht. „Eine Mailänderin interessierte mich die acht Tage ihres Bleibens“, schreibt er in der „Italienischen Reise“ und schildert dann eine scheue Romanze. In Wirklichkeit war Goethe mitnichten scheu, er pflegte aufs Ganze zu gehen, mal mit, mal ohne Erfolg … Wo in Castel Gandolfo hat sich die Romanze zugetragen? Laut Goethe soll es „ein sehr stattliches Gebäude“ gewesen sein. Meine Vorabrecherche hatte einen vagen Namenshinweis erbracht, Villa Torlonia, sonst aber nichts. So frage ich einen des Wegs kommenden, das Enkelkind ausführenden Rentner. „Sie“ meint er heftig nickend, die Villa sei nicht weit, nur ein Stück die Hauptstraße runter und dann gleich rechts an der Via Ercolano.
Kurz darauf bin ich dort: ein verblichener Bau längs der Straße – dicht gemacht, leblos, tot. Vom Zeitenstrom ans Ufer gespült und liegen gelassen. In der Nachbarschaft ein Glaskunstatelier, drin eine blonde Frau mittleren Alters im Arbeitsmantel, sie verlötet farbige Glasstücke zu einem Mosaik. Bereitwillig gibt sie Auskunft und erzählt, was sie von der Villa weiß: im Besitz der Torlonia, einer steinreichen Bankiersdynastie, mit so vielen Palästen, dass sie mit diesem nichts anzufangen weiß. Sie führt mich nach hinten hinaus, wo ich die stolze Hauptfront der Villa sehe, mit Säulen, Prunkbalkon, reliefgeschmücktem Giebel. Aber sonderbar: der gesuchte Bau sollte aus zwei miteinander verbundenen Blöcken bestehen – hier nicht der Fall … Laut Goethe soll es anfangs mal Sitz des Jesuitengenerals gewesen sein, sage ich verunsichert zur Signora.
„Gesuiti …“, sinnt sie. „Gegenüber auf der anderen Straßenseite ist die frühere Villa Gesuiti – allerdings schon lange umgebaut für Behörden, auch die Carabinieri sind ja drin.“
„Aber ich las von einer Villa Torlonia …“
Die Signora zuckt die Schulter. „Der Name Villa Gesuiti ist ziemlich vergessen, weil der Name sich immer nach den Besitzern richtet, und das sind schon lange die Torlonia. Sie haben die Villa gekauft, als die Jesuiten aufgelöst wurden.“ Wie sie genau aussehe wisse sie nicht, sie liege zurückgesetzt von der Straße und sei nicht einsehbar.
Darum würde ich mich jetzt gleich kümmern, sage ich und verabschiede mich von der freundlichen Signora mit einem „tante grazie“ und „arrividerci“.
Eine hohe Mauer und Bäume verdecken die Villa. Nur die schmale Carabinieri-Einfahrt führt hinein, der Schlagbaum steht offen. Frisch gewagt … Im Hof blau-weiße Polizei-Alfas – vor einem massigen vierstöckigen Gebäudeblock, der durch einen schmalen Längsbau mit einem zweiten gleichartigen Block verbunden ist: wie von Goethe beschrieben! Tatsächlich der Schauplatz seiner literaturgewordenen Romanze. Von Romantik allerdings keine Spur, der Komplex scheint mehr Kaserne als Villa, aber das passt zu den Jesuiten, diesen Soldaten Gottes. Romantische Assoziationen weckt eher der zugehörige Park, früher versehen laut Goethe mit „einem Pavillon, wo die herrlichste der Aussichten sich darbot“. Meinte er vielleicht die Aussicht auf Liebe?

Blick auf Castel Gandolfo und den Albaner See

Wieder zurück auf der Piazza nehme ich den Treppenweg zum See hinunter. Alles hier war Teil von Kaiser Domitians unvorstellbar luxuriöser Sommerresidenz: alles untergegangen, besiegt von Zeit und wuchernder Natur. Am aussichtsreichen See-Ristorante „Quadri“ nehme ich noch eine Caffè, dann mit dem Zug zurück – erst hoch über dem See, dann in Schleifen hinab in die Campagna. Und vor Rom endlich erhalten Gebliebenes aus der römischen Kaiserzeit, unbesiegt von Zeit und Natur: ein kolossaler Aquädukt, in unzähligen Bögen die Ebene durchziehend – Zeugnis einer Zivilisation, die uns bis heute prägt.

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