Venedig: Fauxpas im Domizil des Dogen

Der Dogenpalast: Amtsitz des einstigen Herrschers über die Seerepublik Venedig. Grandios, macht- und prachtstolz. Anders als das Privatdomizil, s. unten …

Am elegant-weiten Campo San Stefano: die Straßenrestaurants voll von Essern und Sonnenanbetern. Ein Stück zur Linken ein stolzes Portal, das in den Hof eines ebenso stolzen Palazzo führt: die Privatresidenz des 108. Dogen Francesco Morosini, eines Seehelden und Türkenüberwinders, lese ich. Derzeit geöffnet für eine Biennale-Ausstellung. Also rein!
Im Erdgeschoß eine enorme Empfangshalle, aus der eine breite Steintreppe ins Piano nobile hinaufführt. Oben hohe Balkendecken, bleigefasste Bogenfenster, dezent ornamentierte Wände. Sehr stilvoll alles, und

Das Privatdomizil des Dogen Morosini. Für den gefeierten Seehelden und Türkenüberwinder fast bescheiden …

doch: für einen Dogen fast bescheiden. Die Ausstellung aber rätselhaft: ein chinesischer Performance-Künstler, sein Werk inspiriert von chinesischer Tradition und aktuellen Zeittendenzen, heißt es. Diverse Exponate: eine Videoinstallation, bei der Gänse, in China Symbol des Lebens, mit Tinte übergossen werden; auf dem Boden Plakate, versehen mit Schriftzeichen und Essstäbchen. Auf Transparenten kalligrafischen Endzeitparolen: God is dead. Nietzsche is dead. Suicide after sale!
Als ich mich grübelnd abwende, passiert es: Ich trete auf ein am Boden liegendes Plakat, offenbar ein Meisterwerk des Künstlers, gemessen am Aufschrei der herbeistürzenden Dame, die eben noch einen vornehmen Herrn durch die Ausstellung geführt hat. Einen Giftblick auf mich abschießend, beugt sie sich zum malträtierten Kunstwerk hinunter, beäugt es, schiebt ein Stäbchen näher zum Schriftkringel. Auf meine Entschuldigung hin faucht sie „Das sieht man doch!“, und stöckelt zurück zum Schniegelmann, der mich streng mustert. Ich drehe eine Verlegenheitsrunde, der Schreck legt sich, noch einmal kehre ich zurück zum entweihten Kunstwerk: nichts anderes als ein Flipchartblatt, beschmiert mit Unleserlichem und bepappt mit Stäbchen. Mir fällt das Wort eines kniezen Kunstkenners ein: „Seitdem das Nicht-Malenkönnen zur Kunstform erhoben wurde, werden immer höhere Anforderungen daran gestellt.“
Draußen auf dem herrschaftlichen Balkon schaue ich in die Runde. Jenseits des Campo ragt der Campanile von San Stefano in den Himmel. Imponierend hoch ist er. Und sehr alt und sehr schief. Aber er existiert noch, nach bald einem Jahrtausend. Was von heutigen Kunsterzeugnissen kaum zu erwarten ist …

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