Italienische Bustouren: Nervenkitzel und Sinneslust

Die zum Ristorante umfunktionierte alte Mühle von Dolo – Teil einer früheren Riesenmühle für die Versorgung von Venedigs Bevölkerung.

Von Padua aus will ich den alten Brenta-Flusslauf erkunden, den idyllischen Wasserweg, auf dem frühe Reisende wie Goethe nach Venedig fuhren – was wesentlich komfortabler war als per Kutsche auf den Rumpel- und Achsenbrecherstraßen. Mit dem 53er-Bus kommt man hin, hat man mir gesagt. Am Busbahnhof frage ich, wo er fährt. Gibt`s hier nicht, ist die Antwort. Ich solle in der Biglietteria fragen. Ich eile hin, keine 5 Minuten mehr bis zur Abfahrt. Dort warten, dann heißt es: Biglietti für den Brenta-Bus gibt`s drüben am edicola. Ich haste über den Platz zum Zeitungsstand. Endlich, das Ticket. „Bus 13 fährt gleich!“ wird mir nachgerufen. Keine Zeit zum Wundern über die andere Nummer – Geldbeutel und Rückgeld noch in der Hand, spurte ich in die gezeigte Richtung, springe in den Bus. Nein, so der Fahrer, der dort drüben! Hinüber, dort rein. Nein, der andere dort! Dessen Fahrer nickt. Ich springe hinein, wanke durch die vollen Sitzreihen nach hinten, lasse mich, während der Bus anfährt, auf die Rückbank fallen.
Auf all den Stress folgt nun die Belohnung. Die von Goethe geschilderte herrliche Brenta-Landschaft ist, trotz stellenweiser Neuzeitschandeleien, gut wiederzuerkennen und erfreut Auge und Gemüt: der sich durch blühendes Grün windende Wasserlauf, prächtige venezianischen Landsitze, das beschauliche Dolo mit seinem Flusshafen, auf dem die Sonne glitzert wie auf ausgestreuten Straßsteinchen. Anders als Goethe will ich nicht bis Venedig fahren, sondern nur bis Malcontenta, wo die letzte tolle Villa steht. Aber ich verpassen den Ausstieg und verlasse den Bus erst am nächsten Halt – in Venedigs Industriegebiet Maghera: Ödnis, Rost, Beton, Brache. Hier wieder Busverdruss: In praller Sonne warte ich auf den Rückbus nach Padua – endlos, aussichtslos. Schließlich nehme ich den Rückbus bis Dolo.
Dort spaziere ich unter blühenden Akazien am Flusshafen entlang. Im schäumenden Wasser eine alte Mühle, umfunktioniert zum Ristorante, davor Sonnenschirme, unter denen fleißig gegessen wird. Ich setze mich dazu. Die Karte erzählt Erstaunliches: Die Mühle war Teil einer historischen Riesenmühle mit insgesamt 18 Rädern, erbaut vor Jahrhunderten von der Republik Venedig für die Versorgung ihrer Bevölkerung. So einmalig und großartig war die Riesenanlage, dass sie sogar vom berühmten Vedutenmaler Canaletto mehrfach gemalt wurde.
Venedig war damals seiner Zeit weit voraus. Es sei „il faro della civiltà“ gewesen, „der Leuchtturm der Zivilisation“, sagte eine Italienerin zu mir. Was mir sehr einleuchtet.

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