Genua: der Philosoph und die Pennäler

Genua: amphitheatralische Lage über der azurblauen Riviera, Gewirr hoher Häuser den Berghang hinauf, pompöse Vialen und schäbige Gassen. Und unten am Hafen ein Geruchsmix aus hunderterlei Essbarem, Brackwasser und Fisch.

Hier im obersten Stock war Nietzsches „Dachstuben-Existenz“

Friedrich Nietzsche – der Philosoph mit dem Hammer und Umwerter aller Werte, heute aktueller denn je – verbrachte hier mehrfach das Winterhalbjahr: Im ausgeglichenen Rivieraklima war sein quälendes Kopf- und Augenleiden erträglicher, auf den Bergpfaden konnte er ungestört wandern und denken. Das Buch Morgenröte etwa entstand hier: Kritik der herrschenden Moral und Religion – reines Dynamit für die damalige Zeit.  Auf seinen Spuren bin ich unterwegs. Eine spartanische Dachstuben-Existenz führte er hier,  in der obersten Etage eines Mietshauses. Unverändert ragt es heute noch sechs Geschoße hoch empor, in verblasstem Römischrot und Ocker, in einer steilen Fußgängergasse: Salita delle Battistine 8.

Als ich so schaue öffnet sich das Portal und ein lidokleidchenumflattertes Elfenwesen von ganz junger Italienerin kommt heraus. Mir einen Ruck gebend frage ich ob man im Haus wisse, dass mal der berühmte Philosoph Nietzsche drin gewohnt habe.
„Si“, nickt das Mädchen, worauf ich frage, woher man das wisse.
„Jemand von der Hausgemeinschaft hat es erzählt. Es muss mal einen Zeitungsbericht gegeben haben.“
„Weiß man in welcher Wohnung?“
„No“. Die Wohnungen seien auch mehrfach verändert worden, fügt sie an, lächelt, entschwebt die Gasse hinab und wird unten an der Piazza eins mit dem Lichtflimmern.

Im Park gleich gegenüber verbrachte er oft die Abende. „Mit mächtigem waldartigem Grün (auch im Winter), Wasserfällen, wilden Thieren und Vögeln und herrlichen Fernblicken auf Meer und Gebirge“, so beschrieb er ihn der Mutter. Ein bisschen arg euphorisch? Auf einem künstlichen Berg ist er angelegt, sehe ich beim Hineingehen, mit gewundenen Wegen, die auf und ab führen, Grotten und, tatsächlich, rauschenden Wasserkaskaden. Nietzsche hat nicht übertrieben. Selbst der Blick auf Meer und Berge ist noch da, wenn inzwischen auch fast verstellt durch Hochbauten. Ganz oben setze ich mich auf eine Bank – wie sich auch Nietzsche hier gesetzt haben wird, entgegen allem starken Tönen in seinen Büchern oft in verzweifelter Stimmung, wachsend aus der teuflischen Paarung von Einsamkeit und Krankheit.
Plötzlich Tuten, Knaller, Geschrei. Ich eile vor an die Brüstung, von der man in die Gasse hinuntersieht: dichter Konfettiregen, unter dem Schüler – 4.Klassler, 5.Klassler? – aus einem Schulportal quellen, im Portal bläst eine Frau, die Arme siegreich hochgereckt, die Tröte, Schüler tröten zurück, werfen Konfettiknaller, abholende Eltern fotografieren. Ferienbeginn? Es ist der 10. Juni – wäre arg früh, denn die vacanze dauern traditionell bis Mitte September …
Die Menge beginnt sich zu verlaufen, fast alle nach oben, an Nietzsches Haus vorbei Richtung Wohnviertel. An der Ecke verweilt man, erneuter Trubel: in der Bar wird Eis gekauft und ein paar Mütter gönnen sich einen caffè. Nahebei ein Miniladen, den ich betrete um Wasser zu kaufen. Ein Zehnjähriger stürmt herein. Ob es noch bombeletti gebe, fragt er atemlos die Frau an der Theke.
„Tutti finiti, amore“ ist die Antwort.
Enttäuschung malt sich in sein Gesicht – aus die schönen Knaller. Ein neuer Gedanke lässt ihn wieder aufleben, er fragt nach etwas, von dem ich aber nur barba – Bart – verstehe.
„Ancora una“, nickt die Frau, holt eine schlanke gelbe Dose aus dem Regal und gibt sie dem Jungen, der anstandslos 5€ dafür hinlegt und wieder nach draußen rennt.
Als ich nach Wasserkauf und kurzem Gespräch mit der Frau – es ist wirklich Ferienbeginn – nach draußen trete, werde ich von durcheinander rennenden und schreienden Jungs fast umgerempelt: sich gegenseitig Schaum in Haare und Gesicht schmierend und der Junge mit der gelben Dose – Rasierschaum – mittendrin. Auf den nun von der Bar her die entsetzte Mutter zustürzt, ihn schimpfend am Arm packt und von der Meute wegzieht. Ferienbeginn all`italiana …

Tipps:
Genua erreichbar zB über Mailand (Eurowings-Destination) mit Zug von Milano Centrale in ca. 1.5h.
Hotels zB in Genua-Nervi (schöner Vorort am Meer: Felsküstenpromenade, Baden, Parks, Verbindung zu Genua Zentrum mit Bus und Zug), z.B. Hotel Bonera: Nobili-Palazzo von 1500, erbaut von Admiral von Andrea Doria; Vorgeschichte über Grimaldi (heute Fürsten von Monaco) bis Antike, Hotel-Padrone gibt gern Auskunft; historisch-authentisch, Abnutzungsspuren inklusive. Alternativ: Hotel Esperia: modern-komfor-tabel, nahe Stazione Genova Nervi. Beide Hotels nahe Meer.
Auf den Spuren von „Bella Italia – Auf Grand Tour mit großen Italienreisenden“:
1) Nietzsche: Wohnhaus in Salita delle Battistine 8 nördlich der Prachtstraße Via Garibaldi (dort Stadtinfo/-plan) am östl. Ende der Piazza del Portello (rechts neben Funicolare di S. Anna). Nietzsches Park direkt angrenzend: Villetta di Negro. Weiterer Anstieg am Ende der Salita d. Battistine links Via Bertani zu Corso Magenta und stiller Piazza S. Anna und ggfs. weiter mit Rundtour über Nietsches „Bergpfade“ – heute Wohngebiete. Zurück mit Funicolare S. Anna oder Funicolare Zecca.
2) Theodor Fontane: Vom Zentrum Piazza S. Lorenzo (herrlicher Dom, polychrom gebändert) die Via S. Lorenzo zum Hafen hinab und rechts durch die Arkaden (Hafenstadttreiben, Herausforderung Augen/Nase/Magen) bis zur Darsena (Metro, früher Kriegshafen u. Schauplatz von Schillers Drama „Verschwörung des Fiesco zu Genua“). Zurück am Ufer: historische Galeone, Acquario (Mega-Meereszoo und -museum), Porto Antico.

Entlang der Bucht von Rapallo unternahm Nietzsche lange Märsche

Ausflug von Genua: tolle (!) Zugfahrt am Meer über Nervi nach Rapallo (Nietzsche wohnte zeitweise auch hier, s. Erinnerungstafel an Ristorante Da Monique, Lungomare Vit. Veneto 5). Abenteuerlich: Rückfahrt nach Genua mit Bus (Abfahrt vor Bahnhof) über wilde Bergküste, u.a. Bergnest Ruta – auch Nietzsche-Refugium.

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